Beitrags-Archiv für die Kategory 'Jakobsweg 2008'

Santiago

Donnerstag, 27. November 2008 22:43

Die letzten Naechte werden immer unruhiger. Man schlaeft kaum noch durch. Als wir ueber den O Cebreiro nach Galizien kamen, stand die Zeit manchmal still. In den urigen Doerfern mit den kleinen grauen Bauernhaeusern und dem ewigen Kuhdung auf den Strassen ist es im November noch ruhiger als im uebrigen Spanien. Trotzdem – die Naehe zu Santiago verbreitet Unruhe und die Naechte werden kurz. Manche Pilger stehen schon nachts um drei Uhr auf, rascheln in ihrer Tuetenwirtschaft und ziehen mit der Taschenlampe auf dem Kopf los in die Dunkelheit. Wir machen das am Ankunftstag genauso, wollen unbedingt am Sonntag in die Pilgermesse, das Botafumeiro (ein mannsgrosses Weihrauchfass) sehen. Kurz vor Zwoelf erreichen wir Jakobs Stadt. Einige sind albern, andere ernst, die Spannung loest sich. Den letzten Kilometer legen wir im Sprint zurueck, die Beine sind selbst nach ueber 20 Kilometern leicht. Vor der Kathedrale Staunen, Traenen, Freude, Umarmungen und ein Wiedersehen mit vielen Mitpilgern. Ein grossartige Gefuehl, es nach ueber 20 Tagen geschafft zu haben.

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Engel finden (O Cebreiro)

Dienstag, 18. November 2008 21:45

Ich habe einen Berg erklommen. Ohne Engel haette ich das nicht geschafft, denn ich war den Tag vorher krank. Mein Engel hat mir Wasser gereicht, als ich welches brauchte, hat mir schoene Kirchen am Wegesrand, Fruechte, Esskastanien, Kraeuter und Blumen gezeigt. Mein Engel hat auf mich gewartet, als es noetig war, hat mich nicht gedraengt, als ich langsam den Berg hochging und er hat mich unterstuetzt und motiviert, als ich nicht mehr aufsteigen mochte.

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Weggefaehrten, die zweite

Dienstag, 18. November 2008 21:31

Ich habe meinen Weg in Frankreich, in St. Jean Pied de Port, begonnen. Auf dem Ruecken habe ich 18 Kilo getragen, vor der Brust noch einmal fuenf Kilo. Als ich in die Pyrenaeen kam, lagen circa 20 Zentimeter Schnee. Ich trug Jeans, Turnschuhe und eine duenne Regenjacke, keine Handschuhe und keine Muetze – die waren nicht in meinem Gepaeck. Meine Beine waren so kalt, dass ich sie kaum bewegen konnte. Als ich endlich im Tal war, habe ich mich komplett neu eingekleidet und alle meine Sachen aus Brasilien postlagernd verschickt. Jetzt trage ich noch 12 Kilo. Die Ausruestung muss stimmen. Das war das Erste, was ich auf dem Weg gelernt habe. In den Pyrenaeen habe ich einen aelteren Italiener kennengelernt, der mir viele Tipps gegeben hat – nicht nur fuer meine Ausruestung, sondern auch fuer mein Leben. Frueher habe ich aeltere Menschen nie respektiert. Das tue ich jetzt. Das ist die zweite Sache, die ich auf dem Weg gelernt habe. Und ich habe festgestellt, dass man mit Geld nicht alles kaufen kann. Zuverlaessigkeit, Gemeinschaft, Durchhaltevermoegen, keine Blasen an den Fuessen – das alles kann man nicht kaufen.

Alejandro, Brasilien

 

Mein Vater hat gesehen, dass ich unzufrieden bin und hat gesagt, geh auf den Weg in Spanien. Ich habe gedacht, warum soll ich in Spanien wandern, ich kann doch auch Marathon laufen, wenn ich mich koerperlich bewegen soll? Er hat gesagt: „Du wirst schon sehen.“ In Korea ist der Jakobsweg seit 2004 bekannt. Damals gab es das erste Buch. Seitdem sind viele koreanische Katholiken den Weg gegangen. Ich bin nicht katholisch. Bevor ich auf den Weg gegangen bin, habe ich an wenig geglaubt. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es eine hoehere Macht gibt, aber ich weiss noch nicht, in welche Richtung ich mich wenden soll. Ich weiss aber, dass es wichtig ist, mich offen mit den Menschen und ihrem Glauben auseinander zu setzen und ich mag die Spiritualitaet des Camino.

Jay, Korea

 

Ich bin die verschiedenen Wege in Spanien und in Portugal schon so oft gegangen und in diesem Winter habe ich ploetzlich gedacht, ich muss etwas zurueckgeben. Seit einer Woche bin ich nun hier in Villafranca. Ich mag es, wenn ich den Pilgern helfe, wenn ich sehe, wie sie sich nach einem Tag draussen auf dem Weg ueber eine Tasse Tee oder Kaffee freuen, wenn ich morgens in die leuchtenden Augen schaue und weiss, dass sie sich mit neuer Energie auf den Weg machen koennen. Hier in der Albergue habe ich bemerkt, dass es genauso wichtig ist zu geben wie zu nehmen.

Marlin aus Berlin, Hospitalera

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Schlafen

Donnerstag, 13. November 2008 18:26

Der Regen schlaegt auf das Kopfsteinplaster in der Altstadt. Es ist windig und kalt. Die einzige Herberge, die geoeffnet hat, ist in einer Kirche. Im Mittelschiff finden sonntags und mittwochs nach wie vor Gottesdienste statt, in den Seitenschiffen steht ein Etagenbett neben dem naechsten. Um zumindest ein wenig Waerme in die Raeume mit den hohen Decken zu bekommen, haengen alle fuenf Meter Heizstrahler, die werden aber um 22 Uhr beim allgemeinen Lichtloeschen ausgeschaltet werden. Der erste Pilger schnarcht schon eine halbe Stunde vorher.

In dem kleinen Dorf leben nur 13 Einwohner. Pepe war schon fuenf Mal auf dem Camino. Eigentlich kommt er aus Barcelona und hat dort Jahrzehnte als Tischler gearbeitet. „Der Camino ist mein Leben“, sagt er. Deshalb ist er in das kleine Dorf am Camino gezogen. In dem ueber 200 Jahre alten Haus nimmt er in zwei kleinen, tiefen Zimmern mit dunklen Balken an der Decke zehn Pilger auf. Wir sind zu dritt. Pepe kocht Paella und will keine Hilfe in der Kueche. „Bei mir koennen sich die Pilger ausruhen“, sagt er. Am Morgen gibt es ein typisches spanisches Fruehstueck – Café und Kekse.

Ein „Amigo del Camino“ oeffnet uns die schwere Holztuer und laesst uns ins Innere. Es ist nicht viel waermer als draussen. Aber wir sind die Ersten und somit sind die Duschen noch heiss und sauber. Im Saal stehen 30 Betten eng an eng. Es gibt kaum Platz, um seinen Rucksack zu verstauen oder die nassen Sachen aufzuhaengen, aber es gibt eine Heizung und der Raum ist angenehm warm. Zum ersten Mal schlafen wir mit 30 Pilgern in einem Raum. Wieder wird um 22 Uhr das Licht geloescht. Jede Minute piept die Notbeleuchtung, ein aelterer Mann schnarcht fuerchterlich und viele Pilger muessen mitten in der Nacht noch einmal aus den Betten und auf die Toilette. Es ist unruhig. Da helfen nur Ohrstoepsel. Um 7 Uhr geht das Licht wieder an.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause im Sonnenschein kommen wir erst spaet in der Herberge an. Der Herbergsvater traegt unsere Rucksaecke nach oben in den Speicher der Kirche. Dort schlafen wir auch unter Jahrhunderte altem Gebaelk auf Matrazen auf dem Boden. Im Gemeinschaftsraum prasselt das Feuer im Kamin, jemand roestet Esskastanien fuer uns und gibt uns ein Glas Wein. Wir essen gemeinsam zu Abend. Es gibt Salat, Nudeln mit Ei und Bechamelsauce und abschliessend frische Fruechte. Der Herbergsvater, der eigentlich Polizist in Madrid ist, laedt uns zur Reflektion bei Kerzenlicht ein. Wir sind acht Pilger aus Spanien, Deutschland, Amerika, der Schweiz und Daenemark. Jeder spricht ueber seine Wuensche und Erfahrungen in seiner Sprache. Am naechsten Morgen werden wir mit geistlichen Gesaengen geweckt. Zum Fruehstueck gibt es Café oder Tee, geroestet Brot, Himbeermarmelade und kleine Kuechlein. Das reicht erst Mal fuer die ersten Kilometer.

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Regentage

Dienstag, 11. November 2008 19:12

Regnet es, wird der Tag muehsam. Der Weg scheint endlos und man denkt nur ans Ziel. Die Etappe, die Pause oder die einzelnen Schritte geraten in den Hintergrund, nur die warme Dusche am Ziel ist wichtig, der Tee, die Waerme. Doch dadurch zieht sich die Endlosigkeit des Weges noch mehr.

Regnet es, klebt der rote Lehm an den Schuhen und laesst sich nicht abstreifen. Jeder Schritt kostet doppelt Muehe.

Regnet es, kommt selbst durch die beste Regenkleidung Feuchtigkeit und Kaelte. Die nasse Hose klebt an den Beinen, das Wasser rinnt einem ueber das Gesicht.

Regnet es, denkt man an die schlechten Tage im Leben. Aber auf dem Weg muss es auch schlechte Tage geben. Denn ein Tag auf dem Weg soll so sein wie ein Jahr im Leben.

Uebermorgen soll endlich wieder die Sonne scheinen.

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Pilger sein

Freitag, 7. November 2008 20:40

José sagt, es gibt drei Wege, ein Pilger zu sein: als Vogel,  als Engel und als Seele. Pilgerst Du als Vogel, bist Du frei. Du schlaefst, wo Du willst, isst, was Du magst und gehst mit den Menschen, die keine Buerde fuer dich sind. Als Engel, unterstuetzt Du die, die deine Hilfe brauchen, die verletzt sind, Hunger haben oder einen Rat brauchen. Du bietest Ihnen Schutz. Als Seele suchst Du Spiritualitaet und Ruhe, tauscht Deine Gedanken mit anderen Menschen aus.

Du bist alles zu seiner Zeit – manchmal Vogel, Engel oder Seele. Und manchmal bist Du alles zu einer Zeit.

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Weggefaehrten, die erste

Mittwoch, 5. November 2008 19:13

Als ich in Mont St. Michel los gegangen bin, wollte ich nur dem Schmerz davon laufen. Ich bin jeden Tag 40 bis 45 Kilometer gelaufen, suche die Einsamkeit und rede bis jetzt mit kaum jemandem. Ich habe in einem Monat 1.000 Kilometer hinter mich gebracht und zehn Kilo verloren, aber den Schmerz fuehle ich jeden Tag. Meine Frau und ich haben 18 Monate versucht, gegen den Krebs anzukaempfen, aber wir haben verloren, ich habe sie verloren. Seitdem laufe ich auf dem Weg und versuche, vor meinem alten Leben weg zulaufen, aber bei jedem Schritt denke ich an meine Frau. Wir waren 30 Jahre verheiratet, haben zwei Kinder und waren sehr gluecklich. Bisher suche ich noch nach der Antwort, wie ich weiterleben soll.

„Der Franzose“

 

Mein Leben verlaeuft jeden Tag gleich. Ich stehe auf, gehe zur Arbeit, komme nach Hause, esse und gehe ins Bett. Und obwohl ich meine Arbeit sehr schaetze und meine Familie liebe, bin ich unruhig und ungluecklich. Meine Frau hat mich auf den „Weg“ geschickt. Jetzt laufe ich seit 200 Kilometern und versuche nur, meinen Kopf frei zu bekommen. Und es klappt, ich merke, dass es noch etwas anderes im Leben gibt, als Arbeit und ich mag ausserdem die sportliche Herausforderung – auch wenn meine Ruecken jeden Tag mehr schmerzt.  

Antonio aus La Mancha

 

Wir sind Ende September in Nantes los gegangen. Ich habe moderne Kunst studiert und hatte einen Job in Strassburg, der aber nichts mit meinem Studium zu tun hatte. Ich habe gekuendigt und bin nun seit anderthalb Monaten auf dem „Weg“. Meine beiden Brueder begleiten mich. In den ersten Tagen sind wir nur wenig gegangen, hoechstens 20 Kilometer und haben viele Pausen gemacht. Jetzt gehen wir bis zu 35 Kilometer am Tag. Ich habe fast drei Wochen gebraucht, um mich daran zu gewoehnen, dass ich schwer trage, jeden Tag laufe und so viele ungeordnete Gedanken in meinem Kopf habe. Jetzt laufe ich nur noch und denke nicht. Der „Weg“ ist fuer mich jetzt Meditation.

Jolie aus Nantes

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Der Stier (Pamplona)

Dienstag, 4. November 2008 15:24

Die Sonne schien mir direkt in die Augen, als ich morgens auf den kleinen Platz trat. Ich froestelte ein wenig. Und ploetzlich nahm ich aus den Augenwinkeln eine kleine Bewegung neben mir wahr. Als ich mich umdrehte, sah ich ihn. Der Stier sah mich aus Augen an, in denen das Weiss blitzte. Dampf quoll aus seinen Nasenloechern und setzte sich als Tropfen auf seiner schwarzen, glaenzenden Nase ab. Langsam senkte er seinen Kopf und machte einen Schritt auf mich zu. Ich konnte mich nicht bewegen und vor allem wusste ich so schnell nicht wohin. Die Haustuer hinter mir war zu weit weg, der naechste Baum nur ein Baeumlein und der Stier dampfte wuetend. Das Tier machte einen weiteren Schritt auf mich zu, schnaubte, schloss seine Augen, drehte sich dann mit einem Ruck um und trabte ueber den Platz weg in eine kleine Gasse. Ich stand dort sicher noch fuenf Minuten, ohne mich zu bewegen. Woher der Stier kam, weiss ich bis heute nicht.

Das erzaehlte mir Miguel in der „Bar Oreja“.

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Wann blogt sie denn endlich?

Dienstag, 4. November 2008 15:09

Jetzt. Aber ganz so einfach wie gedacht, ist das mit dem Internet hier doch nicht. Wenn eine Herberge mal Internet hat, ist das meistens sehr langsam oder stuerzt ab. Und die ersten drei Tage musste ich sehr mit meinem Koerper kaempfen, hatte also keine wirkliche Lust auf Kopfarbeit. Der Koerper kaempft also, aber habe keine Blasen, dafuer Probleme mit der Achillessehne. Und der Rucksack ist trotz der „nur“ neun Kilo einfach zu schwer. Wahrscheinlich bin ich mindestens zehn Zentimeter kleiner, wenn ich nach Hause komme. Langsam gewoehnt sich mein Koerper aber an die Strapazen und dann kann man auch mal ans Schreiben denken. Jetzt schreibt sie also.

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Vorbereitung (vier Tage vorher)

Montag, 27. Oktober 2008 0:07

Die Liste vom Pilgerprofi ist prägnant und kurz. Etwa: drei Slips, zwei BHs, Wanderschuhe (ein Paar), Trekkingstöcke (für den Auf- und Abstieg), Sicherheitsnadeln (damit die feuchte Wäsche bei trockenem Wetter am Rucksack trocknet) auch sonst nur Praktisches – wichtig: Es kommt nicht ein Kleidungsteil zu viel in den Rucksack. Am besten soll ich „nur“ siebeneinhalb Kilo tragen. Adé Jeans, adé schöne grüne Schuhe. Warum steht ein Stein auf der Liste (nicht mehr als 100 Gramm)? Mein Vater weiß es: Es kommt auf dem Weg eine Kreuzung, da legt jeder Pilger einen Stein aus seiner Heimat ab.

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