Beitrags-Archiv für die Kategory 'Allgemein'

Schoen scharf und manchmal stachelig

Montag, 21. November 2011 13:27

„How do you like your dish“, ist die Frage, die man im Restaurant gleich nach der Bestellung gestellt bekommt. Und dann antwortet man besser nicht „indisch scharf“. Denn selbst fuer Scharfesser ist die indische Schaerfe zu viel. Nebenwirkungen sind dann stante pede Schweissausbrueche, Geschmacksverlust oder Durchfaelle. Wer das Essen noch geniessen moechte, bestellt also weniger Chilis und European Style. Und wer sonst nicht vor Gewuerzen und ungewoehnlichem Obst und Gemuese zurueckschreckt, wird das indische Essen lieben. Denn die Inder haben einen grossen Vorteil: In ihrem Land wachsen alle Obst- und Gemuesesorten in einer riesigen Vielfalt. Auf den Maerkten findet man dutzende verschiedene Erbsensorten und noch einmal so viele Linsen. Die Gemuese sehen allerdings manchmal gewoehnungsbeduerftig aus. Mal sind sie lang und duenn und wirken eher wie ein trockener Fruchtstand (Drumsticks), mal sind sie stachelig wie Kakteen, runzelig wie alte Kartoffeln oder pickelig wie ein Juengling. Aber alle haben eines gemeinsam: sie schmecken lecker.

Vielleicht liegt es an der Vielfalt oder weil es so viele Lieblingsgerichte gibt, auf alle Faelle essen die Inder mindestens drei Mal am Tag warm. Schon morgens gibt es Reis, Currys mit Fleisch, Fisch oder Gemuese, Papam und Chapatis (Brotfladen), Dohsas (Reiskuchen) und Mixed Pickles. Alles natuerlich schoen scharf. Mittags gibt es dieselbe Vielfalt meistens noch mit mehreren Gemuesesorten kombiniert. Zum Nachmittagstee wird einem dann von Samosas ueber unertraeglich suessen Kekschen bis zu Mixture (scharf-wuerzigen Teilchen) alles serviert. Und abends erhaelt man noch mal das volle Angebot an Fleisch, Fisch, Gemuesen und Obst und vor allem viel Reis. Denn der Inder an sich liebt Reis und isst, wenn er es sich leisten kann, erfahrungsgemaess am Tag so viel wie eine vierkoepfige deutsche Familie. Dazu haeuft er sich Berge an Reis auf seinen Teller, traeufelt ein wenig Curry darueber und bugsiert das ganze mit der  rechten Hand in den Mund. Ist das Gericht dann nicht scharf genug, gibt es auf fast jeder Tafel noch Nachschaerfer, wie gruene Chilis oder Mixed Pickles – und die sind dann ganz ohne Nebenwirkungen geniessbar, zumindest fuer den Inder.

Thema: Allgemein, Indien | Kommentare (0) | Autor:

Vollgas in Kalkutta

Freitag, 11. November 2011 14:40

Wer Karussells liebt, wird auch den indischen Verkehr moegen. Rasant, atemlos, adrenalintreibend, laut und chaotisch ist das, was sich auf Kalkuttas Strassen abspielt. Schwester Jossy sagt: “ Es gibt keine Verkehrsregeln ausser einer: keine Regeln“. Und genau so ist auch der erste Eindruck, als wir aus dem Flughafen treten. Die Taxen parken wahllos, hupen pausen los und man muss aufpassen, dass sie einem die Koffer nicht aus der Hand fahren. Auf der Strasse fahren Autos, Motorraeder, Lastwagen, Rykschas und Fahrraeder. Meistens gehen noch Leute zwischen den Vehikeln herum. Am Rand und zum Teil zwischen den Autos laufen Kuehe, Ziegen, Hunde und Schweine.

Der gemeine Autofahrer in Kalkutta kennt nur ein Tempo – Vollgas. Das heisst, die zehn Meter bis zum naechsten Hindernis legt er nie gemaechlich, sondern immer mit durchgetretenem Gaspedal zurueck und bremst dann nur Millimeter vor den vorfahrenden Verkehrsteilnehmern. Schwache Gemuetrer rufen dann schon mal: „Stop, stop, there is a truck coming!“ Denn trotz Linksverkehr gilt hier Darwins Theorie vom Ueberleben der Staerkeren. Ist die andere Fahrbahn glatter und besser befahrbar, wird die genutzt und erst kurz vor dem Gegenverkehr wieder in die eigenen Spur eingeschert – bei vollem Tempo versteht sich.

Die meisten Strassen in den Staedten sind einigermassen gut nutzbar, aber sobald man sich Richtung Land bewegt, gibt es kaum noch geteerte Wege. Schotter, Sand, Matsch und Loecher, die manchmal bis zu einem halben Meter (sic!) tief sind, bestimmen hier das Verkehrsleben. Auf unserem Weg von Kalkutta nach Pandua hatten wir einen Teufelsfahrer, der anderthalb Stunden fast pausenlos gehupt hat und Slalom um die Loecher und meistens auf der Gegenseite gefahren ist. Dafuer waren wir schnell vor Ort und die Schwestern haben uns versichert, dass er „einer der besten Fahrer ist“. Da mag das Gebet vorher hilfreich gewesen sein.

Viele Vehikel hier dienen noch als reines Transportmittel. So haben wir schon Motorraeder gesehn, auf denen vier Personen sassen, Motorrykschas mit mehr als zehn Personen an Bord, Gelaendewagen mit fast 20 Personen, die im Wagen, auf dem Dach und aussen an der Reling festgeklammert waren. Ueberlandbusse und Zuege sehen ganz aehnlich aus. Vor allem die local trains sind pickepacke voll. Dementsprechend voll ist es auch auf den Bahnhoefen. Die Menschen warten meistens lange auf die Zuege, obwohl einige auch auf die Minute puenktlich abfahren. In den Bahnhoefen machen es sich die Leute gemuetlich, einige legen sich zum Schlafen auf den Boden, anderen machen Picknick. Verkaeufer bieten Chai, Kaffee und kleine Snacks wie Chapati, Samosas oder aehnliches an. Die Schienen ueberqueren viele Inder nicht mit Hilfe der Bruecke, sondern ueber die Gleise. Das geht auch schneller und man hat mehr Zeit zum Warten.

Denn das Warten ist neben dem Tempo, den nicht existenten Regeln und dem Hupen ein weiteres Element im indischen Verkehr. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens gibt es haeufig zur Rush Hour Stau. Manchmal verlangsamen die Tiere auf der Strasse oder Traeger das schnelle Fortkommen, manchmal versperren Bauarbeiten den Weg. Die Strassen sind dann lediglich mit grossen Steinen etwas abgesichert. Auch eine Bruecke, deren Pfeiler durch den starken Lkw-Verkehr beschaedigt ist, wurde nur mit einem Steinhaufen abgespert, ueber den natuerlich alle Fussgaenger steigen und auch die Motorradfahrer hieven ihre Raeder darueber. An Bahnschranken wartet man manchmal bis zu einer halben Stunde. „In der Zeit haettet ihr es bis nach Deutschland geschafft“, sagen die Schwestern dann gerne. Denn ungeduldig sind die Inder dann trotzdem.

Thema: Allgemein | Kommentare (5) | Autor:

Das Tabu Tod überwinden

Mittwoch, 22. September 2010 22:24

Alfons Deeken erzählt. Der Jesuitenpater spricht im Wohnzimmer von Familie Benediek in Telbrake über das Thema seines Lebens: Sterben, Tod und Hospiz. Kein leichtes Thema. Irgendwie passt es nicht und irgendwie wieder doch zu der fröhlichen Gruppe, die nebenan auf der Diele die Gastfreundschaft im Oldenburger Münsterland genießt. Paula Benediek, die Schwester von Alfons Deeken, hat die 43 Japaner, eine Gruppe, die sich für das Christentum interessiert, aufgenommen. Es gibt Bratkartoffeln und Schnitzel. „Very good“, loben die Gäste. Zwei Wochen ist die Reisegruppe in Deutschland und fährt in den nächsten Tagen noch nach Oberammergau, um sich die Passionsspiele anzusehen, nach München und nach Altötting.

Der Jesuitenpater Alfons Deeken ist mal wieder in seiner alten Heimat. Das ist etwas besonderes, denn er lebt seit 50 Jahren in Japan und lehrt an der Sophia-Universität in Tokio vor allem Antrophologie und die Philosophie des Todes. In Japan gilt der 78-Jährige als einer der bekanntesten Ausländer. Deeken ist durch das unbequemes Thema Tod bekannt geworden. „Das Tabu Tod hat in Japan eine lange Tradition“, so Pater Deeken. Denn in der Shinto-Religion galt alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat, als unrein. „Außerdem gibt es die allgemeine Regel in Japan, niemals über unangenehme Dinge zu sprechen“.

Alfons Deeken kam bereits früh mit dem Thema Sterben und Tod in Berührung. Schon als Schüler am Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg hat er über die Märtyrer von Nagasaki gelesen und deren Glaubensstärke bewundert. 1952 trat er dem Jesuitenorden bei, studierte Philosophie in München und ging 1959 nach Japan, um die Sprache zu lernen. Seine Doktorarbeit schrieb er allerdings in New York und kam dort in Kontakt mit der Hospizbewegung. „Das gibt es in Japan gar nicht“, stellte er damals fest und initiierte 1975 das erste Hospiz in Japan. „Mittlerweile gibt es über 200 Hospize“, erzählt er und lächelt dabei. Seine Studenten hätten sogar ein Hospiz für Obdachlose gegründet.

Doch der Weg dahin war lang. 33 Bücher hat Alfons Deeken geschrieben, viele davon Bestseller. Die TV-Serie „Konfrontation mit Sterben und Tod“ lief lange im nationalen, japanischen Fernsehen, wurde als Buch herausgeben und erscheint mittlerweile in der 30. Auflage. Ein Zeichen, dass die Tabuisierung des Todes an vielen Japaner nagte, dass man über das Thema sprechen wollte – in aller Öffentlichkeit. Deshalb gründete er 1982 zudem die „Japanische Gesellschaft für Sterbeerziehung und Trauerberatung“. Heute gibt es in 53 Städten Filialen dieser Initiative, die von Ehrenamtlichen geleitet werden. Drei Ziele hat die Gesellschaft: 1. Die Sterbeerziehung, das heißt, die Tabuisierung des Todes zu überwinden. „Ein Mensch kann nicht menschlich sterben, wenn ihm nicht gesagt wird, dass er bald sterben wird“, erklärt Pater Deeken. Wird dem Krebspatienten hingegen gesagt, dass er nur noch drei Monate zu leben hat, kann er überlegen, wie er seine verbleibende Zeit nutzt. 2. Die Hospizbewegung und 3. Trauerberatung und Trauergruppen für Witwen und Witwer, Eltern, deren Kind gestorben ist oder Menschen, die einen anderen durch Suizid verloren haben. In Japan gibt es nach wie vor eine der weltweit höchsten Selbstmordraten. „Das ist zum Teil japanische Tradition“, sagt Pater Deeken. „Der Tod als einziger Ausweg aus einer ausweglosen Situation“. Über 30.000 Menschen in Japan töten sich jährlich selbst. „Sie wollen ihren Familien nicht zur Last fallen und tun mit ihrem Suizid ironischerweise genau das“, so der Pater.

Seine Bestseller und die Tatsache, dass auch die Massenmedien in Japan den Umgang mit dem Tod aufgegriffen haben, zeigt, dass der Tod immer weniger Tabu und mehr Thema wird, dass über das Sterben auch in den Familien gesprochen wird. Aber trotzdem weiß Pater Alfons Deeken, dass es für ihn weiter viel zu tun. Das zeigt ein Beispiel aus dem  Krankenhausalltag von dem er erzählt: „In vielen japanischen Hospitälern gibt es keine Zimmer mit der Nummer Vier.“ Denn vier heißt „Schi“ und hat dieselbe Aussprache wie das Wort „Tod“.

Thema: Allgemein | Kommentare (0) | Autor: