Vollgas in Kalkutta

Wer Karussells liebt, wird auch den indischen Verkehr moegen. Rasant, atemlos, adrenalintreibend, laut und chaotisch ist das, was sich auf Kalkuttas Strassen abspielt. Schwester Jossy sagt: “ Es gibt keine Verkehrsregeln ausser einer: keine Regeln“. Und genau so ist auch der erste Eindruck, als wir aus dem Flughafen treten. Die Taxen parken wahllos, hupen pausen los und man muss aufpassen, dass sie einem die Koffer nicht aus der Hand fahren. Auf der Strasse fahren Autos, Motorraeder, Lastwagen, Rykschas und Fahrraeder. Meistens gehen noch Leute zwischen den Vehikeln herum. Am Rand und zum Teil zwischen den Autos laufen Kuehe, Ziegen, Hunde und Schweine.

Der gemeine Autofahrer in Kalkutta kennt nur ein Tempo – Vollgas. Das heisst, die zehn Meter bis zum naechsten Hindernis legt er nie gemaechlich, sondern immer mit durchgetretenem Gaspedal zurueck und bremst dann nur Millimeter vor den vorfahrenden Verkehrsteilnehmern. Schwache Gemuetrer rufen dann schon mal: „Stop, stop, there is a truck coming!“ Denn trotz Linksverkehr gilt hier Darwins Theorie vom Ueberleben der Staerkeren. Ist die andere Fahrbahn glatter und besser befahrbar, wird die genutzt und erst kurz vor dem Gegenverkehr wieder in die eigenen Spur eingeschert – bei vollem Tempo versteht sich.

Die meisten Strassen in den Staedten sind einigermassen gut nutzbar, aber sobald man sich Richtung Land bewegt, gibt es kaum noch geteerte Wege. Schotter, Sand, Matsch und Loecher, die manchmal bis zu einem halben Meter (sic!) tief sind, bestimmen hier das Verkehrsleben. Auf unserem Weg von Kalkutta nach Pandua hatten wir einen Teufelsfahrer, der anderthalb Stunden fast pausenlos gehupt hat und Slalom um die Loecher und meistens auf der Gegenseite gefahren ist. Dafuer waren wir schnell vor Ort und die Schwestern haben uns versichert, dass er „einer der besten Fahrer ist“. Da mag das Gebet vorher hilfreich gewesen sein.

Viele Vehikel hier dienen noch als reines Transportmittel. So haben wir schon Motorraeder gesehn, auf denen vier Personen sassen, Motorrykschas mit mehr als zehn Personen an Bord, Gelaendewagen mit fast 20 Personen, die im Wagen, auf dem Dach und aussen an der Reling festgeklammert waren. Ueberlandbusse und Zuege sehen ganz aehnlich aus. Vor allem die local trains sind pickepacke voll. Dementsprechend voll ist es auch auf den Bahnhoefen. Die Menschen warten meistens lange auf die Zuege, obwohl einige auch auf die Minute puenktlich abfahren. In den Bahnhoefen machen es sich die Leute gemuetlich, einige legen sich zum Schlafen auf den Boden, anderen machen Picknick. Verkaeufer bieten Chai, Kaffee und kleine Snacks wie Chapati, Samosas oder aehnliches an. Die Schienen ueberqueren viele Inder nicht mit Hilfe der Bruecke, sondern ueber die Gleise. Das geht auch schneller und man hat mehr Zeit zum Warten.

Denn das Warten ist neben dem Tempo, den nicht existenten Regeln und dem Hupen ein weiteres Element im indischen Verkehr. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens gibt es haeufig zur Rush Hour Stau. Manchmal verlangsamen die Tiere auf der Strasse oder Traeger das schnelle Fortkommen, manchmal versperren Bauarbeiten den Weg. Die Strassen sind dann lediglich mit grossen Steinen etwas abgesichert. Auch eine Bruecke, deren Pfeiler durch den starken Lkw-Verkehr beschaedigt ist, wurde nur mit einem Steinhaufen abgespert, ueber den natuerlich alle Fussgaenger steigen und auch die Motorradfahrer hieven ihre Raeder darueber. An Bahnschranken wartet man manchmal bis zu einer halben Stunde. „In der Zeit haettet ihr es bis nach Deutschland geschafft“, sagen die Schwestern dann gerne. Denn ungeduldig sind die Inder dann trotzdem.

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Datum: Freitag, 11. November 2011 14:40
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5 Kommentare

  1. 1

    Namaste!
    Dein Artikel über Kolkata ist spitze. Du hast aber noch nicht alles erlebt. Bitte fahre einmal mit dem Boot nach Basanti in den Sunderbans.
    Bist du dort schon mit einer Taxe gefahren? Unbedingt erleben.
    Wie heißt es so schön: Kolkata never or Kolkata for ever! Ich liebe diese Stadt mit all dem Lärm-Gerüchen-Menschenmassen, Kühe, Hunde, Schweine,Ratten. Die Sehnsucht treibt mich.Die Bengalen habe ich in mein Herz geschlossen.
    Grüße meine zweite Heimat Kolkata
    Leila

  2. 2

    […] Vollgas in Kalkutta – Über den Straßenverkehr à la Kalkutta, Blausause.de 11.11.2011 […]

  3. 3

    Kalkutta ist wirklich eine faszinierende Stadt. Gehupe hin, strenge Straßengerüche her – Kalkutta ist einfach facettenreich, vielfältig und warmherzig. Und wie ich finde, bei weitem entspannter als andere indische Städte. Die Sunderbans sind in der Tat eine tolle Erfahrung, jetzt ist die beste Zeit dafür.
    LG
    Michael

  4. 4

    […] Chantal Tajdel ist freie Journalistin aus Köln und begleitete 2011 eine kleine, private Hilfsorganisation in Indien, deren Projekte unter anderem auch in Kalkutta umgesetzt werden. https://www.blausause.de/?p=159 […]

  5. 5

    Namaste Leila
    Mir ging und geht es genauso, Calcutta/Kolkata gehört zu meinen Lieblingstädten, wenn nicht die Lieblingsstadt. Bereits 12x habe ich sie entdeckt, geschmeckt und gefühlt, ein faszinierendes Gebilde zwischen Altertum und Modernität.
    Warum genau sie zu meiner zweiten Heimat geworden ist, siehst Du unter http://www.insideindiatravel.ch Ich habe mittlerweile eine kleine TravelAgency aufgebaut für den Osten Indiens, speziell Kolkata, beim Reiseprogramm siehst Du ganz sicher viele dir bekannte Sachen. Ich hoffe wir sehen uns mal in Kolkata, entlang der Rabindra Sarani, meine Lieblingsstrasse im alten Kolkata.
    Hier die mail: info@insideindiatravel.ch
    Christoph

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