Das Tabu Tod überwinden

Alfons Deeken erzählt. Der Jesuitenpater spricht im Wohnzimmer von Familie Benediek in Telbrake über das Thema seines Lebens: Sterben, Tod und Hospiz. Kein leichtes Thema. Irgendwie passt es nicht und irgendwie wieder doch zu der fröhlichen Gruppe, die nebenan auf der Diele die Gastfreundschaft im Oldenburger Münsterland genießt. Paula Benediek, die Schwester von Alfons Deeken, hat die 43 Japaner, eine Gruppe, die sich für das Christentum interessiert, aufgenommen. Es gibt Bratkartoffeln und Schnitzel. „Very good“, loben die Gäste. Zwei Wochen ist die Reisegruppe in Deutschland und fährt in den nächsten Tagen noch nach Oberammergau, um sich die Passionsspiele anzusehen, nach München und nach Altötting.

Der Jesuitenpater Alfons Deeken ist mal wieder in seiner alten Heimat. Das ist etwas besonderes, denn er lebt seit 50 Jahren in Japan und lehrt an der Sophia-Universität in Tokio vor allem Antrophologie und die Philosophie des Todes. In Japan gilt der 78-Jährige als einer der bekanntesten Ausländer. Deeken ist durch das unbequemes Thema Tod bekannt geworden. „Das Tabu Tod hat in Japan eine lange Tradition“, so Pater Deeken. Denn in der Shinto-Religion galt alles, was mit Sterben und Tod zu tun hat, als unrein. „Außerdem gibt es die allgemeine Regel in Japan, niemals über unangenehme Dinge zu sprechen“.

Alfons Deeken kam bereits früh mit dem Thema Sterben und Tod in Berührung. Schon als Schüler am Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg hat er über die Märtyrer von Nagasaki gelesen und deren Glaubensstärke bewundert. 1952 trat er dem Jesuitenorden bei, studierte Philosophie in München und ging 1959 nach Japan, um die Sprache zu lernen. Seine Doktorarbeit schrieb er allerdings in New York und kam dort in Kontakt mit der Hospizbewegung. „Das gibt es in Japan gar nicht“, stellte er damals fest und initiierte 1975 das erste Hospiz in Japan. „Mittlerweile gibt es über 200 Hospize“, erzählt er und lächelt dabei. Seine Studenten hätten sogar ein Hospiz für Obdachlose gegründet.

Doch der Weg dahin war lang. 33 Bücher hat Alfons Deeken geschrieben, viele davon Bestseller. Die TV-Serie „Konfrontation mit Sterben und Tod“ lief lange im nationalen, japanischen Fernsehen, wurde als Buch herausgeben und erscheint mittlerweile in der 30. Auflage. Ein Zeichen, dass die Tabuisierung des Todes an vielen Japaner nagte, dass man über das Thema sprechen wollte – in aller Öffentlichkeit. Deshalb gründete er 1982 zudem die „Japanische Gesellschaft für Sterbeerziehung und Trauerberatung“. Heute gibt es in 53 Städten Filialen dieser Initiative, die von Ehrenamtlichen geleitet werden. Drei Ziele hat die Gesellschaft: 1. Die Sterbeerziehung, das heißt, die Tabuisierung des Todes zu überwinden. „Ein Mensch kann nicht menschlich sterben, wenn ihm nicht gesagt wird, dass er bald sterben wird“, erklärt Pater Deeken. Wird dem Krebspatienten hingegen gesagt, dass er nur noch drei Monate zu leben hat, kann er überlegen, wie er seine verbleibende Zeit nutzt. 2. Die Hospizbewegung und 3. Trauerberatung und Trauergruppen für Witwen und Witwer, Eltern, deren Kind gestorben ist oder Menschen, die einen anderen durch Suizid verloren haben. In Japan gibt es nach wie vor eine der weltweit höchsten Selbstmordraten. „Das ist zum Teil japanische Tradition“, sagt Pater Deeken. „Der Tod als einziger Ausweg aus einer ausweglosen Situation“. Über 30.000 Menschen in Japan töten sich jährlich selbst. „Sie wollen ihren Familien nicht zur Last fallen und tun mit ihrem Suizid ironischerweise genau das“, so der Pater.

Seine Bestseller und die Tatsache, dass auch die Massenmedien in Japan den Umgang mit dem Tod aufgegriffen haben, zeigt, dass der Tod immer weniger Tabu und mehr Thema wird, dass über das Sterben auch in den Familien gesprochen wird. Aber trotzdem weiß Pater Alfons Deeken, dass es für ihn weiter viel zu tun. Das zeigt ein Beispiel aus dem  Krankenhausalltag von dem er erzählt: „In vielen japanischen Hospitälern gibt es keine Zimmer mit der Nummer Vier.“ Denn vier heißt „Schi“ und hat dieselbe Aussprache wie das Wort „Tod“.

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Datum: Mittwoch, 22. September 2010 22:24
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